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Vitis vinifera

Vitis vinifera ArzneimittelprĂŒfung
vitis-vinifera_weiss-wein_375x202.jpg

Eine doppelblind durchgefĂŒhrten ArzneiprĂŒfung von Peter König und Gerda Dauz

Die Themen von Vitis Vinifera:

Haltsuche, GezÀhmtheit und Ausschweifung

1998 bis 2001 prĂŒften einerseits Gerda Dauz und der Verfasser, andererseits JĂŒrgen Weiland, Bonn, Vitis vinfera C30 (Remedia), - zunĂ€chst, ohne voneinander zu wissen. Bei der österreichischen PrĂŒfung waren es die BlĂ€tter einer SpĂ€tburgunder-Rebe, bei der deutschen PrĂŒfung waren es Pflanzenteile einschließlich der Frucht, der Traube (Vitis vinifera cum fructibus, Remedia), die geprĂŒft wurden.

Die Resultate beider ArzneiprĂŒfungen werden demnĂ€chst in einem gemeinsamen Buch (Jörg Wichmann, Fagus-Verlag) veröffentlicht. Der folgende Text, der bereits von weiterfĂŒhrenden Gedanken um Vitis handelt, soll einen „Vorgeschmack" auf diese Publikation geben.

Es waren die Signaturen in den TrĂ€umen unserer Vitis-ProbandInnen, die uns den Weg zum Erkennen der geprĂŒften Arznei wiesen: Vitis selbst auf der TraumbĂŒhne, gleichsam der Regisseur verdeckt in der Rolle des Schauspielers, - eine im Rahmen von ArzneimittelprĂŒfungen immer wieder beobachtete Tatsache! Diese beiden TrĂ€ume eines TrĂ€umers nennen die geprĂŒfte Arznei beim Namen und thematisieren gleichzeitig etwas, das Grundidee von Vitis vinifera sein könnte: die Suche nach Halt.

Nacht: Ich trĂ€umte, dass ich mit dem Auto fahre (neben mir eine Freundin). Ich fahre zu gefĂ€hrlich (reagiere darauf aber nicht) und an einer Kurve stĂŒrzen wir ĂŒber die Straße. Wir fliegen aus dem Auto und stĂŒrzen einen Hang hinunter. Die Freundin hĂ€lt sich an mir und ich bremse unsere Geschwindigkeit, indem ich mich immer wieder an StrĂ€uchen klammere und so können wir uns unversehrt retten. (6m/10 [letzter Einnahmetag])

Traum: Meine Mutter fĂ€hrt mit dem Auto und muss plötzlich fest abbremsen. Ich werde aus dem Auto geschleudert und fliege ziemlich weit: Unter mir sind Weinreben mit ihren parallelen Gittern angeordnet und ich denke im Flug, wie ich wohl stĂŒrzen werde. Ich versuche, möglichst ohne Schaden anzukommen, d.h. ich stĂŒrze auf die Weinreben und bremse mit der linken Hand. Als ich ankomme, merke ich fast keine Verletzung, außer an der linken Hand eine Schnittwunde. Ich werde ins Krankenhaus gebracht, meine Mutter fĂ€hrt zu langsam und zu ungeschickt; dahinter ist mein Vater, der ziemlich sauer ĂŒber meine Mutter ist und das Steuer ĂŒbernehmen will. (6m/19N)

Im Sich-Anhalten der Freundin am TrĂ€umer und Sich-Anklammern des TrĂ€umers an den StrĂ€uchern des Straßenrandes erfahren beide im ersten Traum Rettung. Im zweiten Traum sind es die „in parallelen Gittern" (in der Nachanmnese meint er die HaltedrĂ€hte) angeordneten Weinreben, die seinen Schleuderflug - wenn auch mit Verletzung - bremsen.

Vitis vinfera ist eine Kletter- und Rankepflanze (siehe das Kapitel: „Die Pflanze Vitis vinifera"!), - wie ĂŒbrigens auch viele andere Pflanzen unserer Materia Medica, u. a. auch Humulus lupulus, der Hopfen! - Die Tabelle 2 zeigt eine Auswahl:

Es fÀllt auch der Zusammenhang zwischen dem Anhalten und den vielen bei unseren Probanden beobachteten Schwindelsymptomen auf. Auch Cocculus indicus scheint in dieser Liste der Kletterpflanzen auf!

Das Organ, mit dem wir in erster Linie Halt im Leben suchen, ist die Hand. Auffallenderweise ist im Rahmen unserer beiden Vitis-PrĂŒfungen oftmals das Thema von Verletzungen der Hand oder der Finger aufgetreten, in der österreichischen Weißwein-PrĂŒfungen vor allem in den TrĂ€umen, bei JĂŒrgen Weiland als reales Geschehnis.

Es liegt nahe, diese oben zitierten eindrucksvollen Traumbilder, die den Ă€ußeren Halt zum Gegenstand haben, nach innen zu projizieren: Der Halt im Außen wird zur inneren Haltung.

Die Signatur der Weinrebe trĂ€gt - von sĂŒdlichen Regionen abgesehen, wo es auch das freie, nicht hochgezogene Wachstum des Weins gibt - die ZĂŒge von Disziplinierung und „ZĂ€hmung", bedingt durch die Interaktion mit dem kultivierenden Menschen: Wachstum in Reih und Glied, - hochgebunden (heißt in der Weinsprache: „Hochkultur"), aufgebunden[1], aufgeknĂŒpft, - rigoros beschnitten, die wilden Triebe ausgegeizt, um der Pflanze jenes Wachstum, jene Wuchsform aufzuzwingen, die besten und reichsten Ertrag bringen soll. Das Weinvokabular verwendet in diesem Zusammenhang das Wort „Erziehung[2]". Das Bild eines verkrĂŒmmt-verkrĂŒppelten, verknoteten, verwachsenen, vielĂ€ugigen StĂŒckes Rebholz demonstriert bisher gesagtes sehr deutlich[3]. Der Weinboden muss karg, nicht zu „fett", darf nicht zu humushĂ€ltig sein. Außerdem werden Hochkultur-Weinstöcke kĂŒnstlich unter Stress gehalten, um die Nahrungskonkurrenz zwischen den einzelnen Pflanzen zu vergrĂ¶ĂŸern. Dies soll die QualitĂ€t der Trauben verbessern: Je weniger Trauben, desto grĂ¶ĂŸer der spĂ€tere Genuss!

Doch das „Wilde" im Wein ist noch da: In unserem (Wein-)Kulturkreis ist es die „Unterlagsrebe", notwendig geworden durch den seit dem 19. Jahrhundert in unsere Breiten eingeschleppten Befall mit der (Wurzel-)Reblaus. „Wilde" SĂ€fte strömen so in die hochkultivierten „niveauvollen" aber störungsanfĂ€lligen Spezialpflanzen hinauf..

Somit trĂ€gt der Wein - wie auch schon in der Einleitung ausgefĂŒhrt - geradezu menschliche ZĂŒge. Man spricht weinhistorisch auch von einer zunehmenden „Individualisierung" und von einer „Persönlichkeit" des Weins („Man trinkt den Winzer."). Den Charakteren von Weinen werden in fast schwĂ€rmerischer Manier menschliche ZĂŒge verliehen: Vom „feingliedrigen", „aufgeschlossenen", vom „animierenden" und „verspielten", „zugĂ€nglichen" und „sympathischen" Wein ist da z. B. die Rede, auch vom „schönen Essensbegleiter". „Mit Reben sprechen", lautet ein Beitrag von Peter Gutting ĂŒber den Besuch in einem Demeter-Weingut (Zeitschrift „Schrot & Korn" 10/2002), - und vom „achtsamen Dialog mit Boden und Reben" ist da die Rede. Noch ein Zitat des Winzers Hartmut Heintz: „In einem guten Wein schmecken Sie die Landschaft und die Menschen, die darin leben ..."

Eine spezielle Spielart der Hochkultiviertheit ist gesteigertes (soziales) Verantwortungsbewusstsein. Erste klinische Erfahrungen mit Vitis vinifera (J. W., siehe das kasuistische Kapitel in diesem Buch!) zeigen Vitis-Patienten als Menschen, die hochverantwortlich (Ă€hnlich Aurum oder Carcinosinum) im Leben stehen. In dieser Haltung scheint Vitis aber mehr dem Staphisagria zu Ă€hneln, indem es dabei dazu tendiert - mehr als wir das von Aurum erwarten dĂŒrfen - mit zurĂŒckgestellten Ego-AnsprĂŒchen durchs Leben zu gehen.

Unter diesen Aspekten, der Weinrebe, der menschlich-soldatische QualitĂ€ten mehr oder weniger aufgezwungen werden, bzw. der Pflanze, die sich solches aufzwingen lĂ€sst, die ihre ursprĂŒngliche Wildheit hintanhĂ€lt, ja geradezu opfert, um Hochkulktur zu ermöglichen, mögen dem, der die Signatur ernst nimmt, bisher aufgezeichnete Vitis-Symptome verstĂ€ndlicher und sinnhafter erscheinen: Die auffallenden, bunten, mannigfaltigen TiertrĂ€ume als das Entfesselte in uns, die impulsiven BefreiungsschlĂ€ge unseres Probanden 13m - sowohl im Psychischen wie auch in der Flatulenz! - als das Hervorbrechen der „wilden Triebkraft", des Animalischen, bislang mĂŒhsam ZurĂŒckgehaltenen? ...

Wer den inneren Halt im Leben verloren hat, wer „schwindlig" durchs Leben geht, mag ihn stellvertretend im Außen, in der Droge (z.B. im Wein) suchen und finden. Auch der an von außen herangetragenen DisziplinierungsansprĂŒchen gescheitert ist, mag in die Suchtkrankheit ausweichen, zum Alkoholiker werden. Nicht immer stehen aber die Weinstöcke in unseren WeingĂ€rten in Reih und Glied. In einer alten Darstellung einer - wenn man so will - verspielten Wuchsform einer Weinrebe[4] wĂ€chst diese Pflanze dreist durch die LĂŒcke eines benachbarten Baumes, - ein gegenĂŒber dem MilitĂ€rischen fast versöhnliches Bild, das von mancherlei Möglichkeiten unserer Vitis-Pflanze zeugt, die es auch homöopathisch noch zu entdecken gilt:

Nonnos beschreibt in seiner Dionysiaka die Weinrebe (und ihre „Anlehnung an andere Pflanzen) mit ĂŒppigsten Wortrankungen:

„... ; und gĂ€nzlich leuchteten andre SchwĂ€rzlich blau wie Teer und machten mit rankenden TraubenTrunken die nahen Oliven mit ihren schimmernden FrĂŒchten. ..."

 

So einfach wie mit der soldatisch-verkrĂŒppelten TriebunterdrĂŒckungs-Signatur dĂŒrfen wir es uns offensichtlich doch nicht machen. Vor allem dĂŒrfen wir unser Vitis-Bild nicht auf diese Seite der Medaille reduzieren. Haben wir also bisher zu sehr auf Dionysos, auch auf die aphrodisiakische Seite des Weingenusses (RĂ€tsch), vergessen? Das bisher „wild" genannte mĂŒsste somit noch um Begriffe, die mit der signaturhaften „Ausschweifigkeit" der Weinranken zu tun haben, erweitert werden. Dieses Bild von Vitis beschreibt sehr „blumig" Pelikan in seiner Pflanzenheilkunde: „..., willkĂŒrliches Schweifen, spielerisches Winden und Greifen, waagrecht sich breitende BlĂ€tterhĂ€nde, ĂŒppiges Schwellen, lastende, hĂ€ngende Trauben ... spielerische Phantasie ...". Auch diese Anteile - in nicht unterdrĂŒckter oder sublimierter Form - wollen homöopathisch beachtet werden!

Wir gehen davon aus bzw. wir sind ĂŒberzeugt davon, dass es zum tieferen VerstĂ€ndnis von Vitis als homöopathischer Arznei notwendig ist, keine allzu simplen, monokausal-psychologischen Konstruktionen walten zu lassen, was impliziert, dass auch einmal eine (noch) unverstandene GegensĂ€tzlichkeit nebeneinander stehengelassen bleiben darf.

 

[1] Die etymologische Bedeutung von „Vitis" (wie ĂŒbrigens auch der Weide!) kommt laut Genaust von der indogermanischen Wurzel „ueit", was so viel heißt wie „biegen", „winden".

[2] „Bereits im ersten Jahr ist zu ĂŒberlegen, welche Erziehungsform gewĂ€hlt werden soll." (Wunderer)

[3] Im Tierreich ist es der Hund (Lac caninum!), der dieser Kultivierung des ehemals Wilden - und auch in seinem sonstigen Verhaftetsein mit der Geschichte der menschlichen Entwicklung - am nÀchsten kommt.

[4] „Von mancherlei Natur und Eigenschaften der Weinstöck": Holzschnitt aus dem 14. Jh. von P. Creszenzi, aus „12 BĂŒcher ĂŒber den Nutzen des Landbaus".

[5] Nonnos, Dionysiaka 12, 292ff., aus RÀtsch, HeilkrÀuter der Antike

 

Dr. Peter König wurde 1955 geboren und ist Arzt fĂŒr Allgemeinmedizin in Wien bzw. Eichgraben, ab 2000 in Eisenstadt. Umfangreiche Homöopathische Lehr-, Supervisions-, Vortrags- und PublikationstĂ€tigkeit. LangjĂ€hriger Lehrauftrag an der Medizinischen UniversitĂ€t Wien. Leiter und Autor mehrerer homöopathischer ArzneimittelprĂŒfungen.