Neu hier? So können Sie bei Remedia Homöopathie suchen ...
help text filter image
Filterkategorie
Schränken Sie den Suchbereich mithilfe der Kategorien ein. So kommen Sie noch schneller zum passenden Suchergebnis aber auch zu erweiterten Detailfiltern.
  • Einzelmittel (Globuli und Dilutionen)
  • Arzneien, Sets, Zubehör und Bücher
  • Website-Inhalte
  • Literaturarchiv
help text input image
Suchbegriff
Suche möglich nach: Einzelmittel-Namen (z.B. Arnica montana), Synonymen (z.B. Brechnuß), Produktnummer (z.B. 9001366), Familie (z.B. Nosode), Scholten Nr. (z.B. 665.24.08). In den grünen Feldern werden Ihnen die jeweiligen Hauptnamen unserer Mittel angezeigt.

Latrodectus mactans - Reis

Latrodectus mactans
Arzneimittelprüfung von Stefan Reis
Latrodectus-mactans_Schwarzewitwe_375x202.jpg

Über kleine und große Arzneimittel sowie einleitende Bemerkungen zur Arzneimittelprüfung von Latrodectus mactans
von Stefan Reis

 

1. Kleine und große Arzneimittel

Wer kennt nicht die Einstufung der homöopathischen Arzneien in „große" und „kleine" Mittel.[3] Dabei meint „groß", daß das entsprechende Mittel gut geprüft und häufig eingesetzt wurde - somit viele klinische Bestätigungen erfahren hat.[4] Aus diesen Gründen erhält es dann den Status eines sogenannten Polychrests.[5] Die „kleinen" Arzneimittel dagegen wurden bislang entweder insgesamt nur selten verordnet oder nur bei eng umrissenen Symptombildern angegeben, zum Teil auch bei gewissen klinischen Indikationen, bei denen sie in der Regel aufgrund der Lokalsymptomatik oder eines einzelnen Leitsymptoms verordnet werden. Soweit sie überhaupt in nennenswerter Häufigkeit gebraucht werden, handelt es sich meist um akute Erkrankungen oder akute Exazerbationen chronischer Störungen.

Oft werden diese Kategorien auch als „wichtig" und „weniger wichtig" mißverstanden. Man glaubt, daß „kleine" Mittel seltener angezeigt und weniger wirksam seien als ihre „großen Brüder". Dieses Vorurteil gilt es zu revidieren - sonst wird man kaum einmal ein bislang unterschätztes oder ein neu in die Materia medica eingeführtes Arzneimittel seinem wahren Wirkungspotential gemäß einsetzen können!

Ob ein Arzneimittel als „groß" oder „klein" eingestuft wird, ist vor allem abhängig von seinem Bekanntheitsgrad. Dieser wiederum steigt mit einer gut durchgeführten und dokumentierten Arzneimittelprüfung, sowie mit möglichst zahlreichen und an exponierter Stelle veröffentlichten Kasuistiken. Er beruht also nicht zuletzt darauf, ob diese Informationen den praktizierenden Homöopathen zugänglich sind.

Diesbezüglich gute Voraussetzungen haben die Mittel, welche in die Hauptwerke der homöopathischen Materia medica Eingang gefunden haben, das heißt vor allem in T.F.Allens Encyclopedia of pure Materia Medica und die Guiding Symptoms of our Materia Medica von C.Hering (et al.). Mit Einschränkung kann noch J.H.Clarkes Dictionary of practical Materia Medica dazugezählt werden [6], sowie die von R.Hughes und J.P.Dake herausgegebene Cyclopaedia of Drug Pathogenesy.

Daß ein Arzneimittel in einer umfangreichen und weit verbreiteten Arzneimittellehre verzeichnet ist, garantiert jedoch nicht seinen angemessenen Einsatz in der Praxis. Ich will zwar nicht behaupten, daß es hinsichtlich der Indikationshäufigkeit keinen Unterschied zum Beispiel zwischen Blatta und Sulphur gäbe. Es ist nur so, daß neben der, man könnte sagen: dem Mittel innewohnenden, mehr oder minder umfangreichen Heilkraft auch - fast schicksalhaft - der homöopathische Zeitgeist und die Verfügbarkeit der Informationen die Einsatzhäufigkeit und damit wiederum das Erkennen der Heilkraft eines Arzneimittels mitbestimmen.

Wie kommt es nun, daß zum Beispiel Natrium carbonicum der Ruf eines eher „kleinen" Mittels anhaftet? Obwohl es umfangreich geprüft worden ist, sind praktische Erfahrungen, oder, besser gesagt, Kasuistiken, welche die Bewertung der Prüfungssymptome ermöglichen würden, vergleichsweise spärlich veröffentlicht worden. Dies führt dazu, daß Natrium carbonicum von den Autoren der Arzneimittellehren weniger eingehend, zuweilen auch gar nicht, beschrieben wird, dadurch dem Lernenden kaum einmal als studierenswert unterkommt und so, selbst in geeigneten Fällen, mangels Vertrautheit nicht berücksichtigt wird.

Bei Samuel Hahnemann umfaßt die Pathogenese von Natrium carbonicum 1082 Symptome [7], was nicht wenig ist. Zusammen mit den bekannten klinischen Symptomen ergibt sich ein interessantes Bild.

Betrachtet man nun allein die psychischen Symptome, läßt sich leicht eine auffallende Ähnlichkeit mit einem anderen, wesentlich bekannteren Mittel konstatieren:

  • „Abneigung gegen die Menschheit und gegen die Gesellschaft; Entfremdung von Einzelnen und von der Gesellschaft, sogar von ihrem Ehemann und ihrer Familie." [8]
  • „Ruhelosigkeit, mit Anfällen von Ängstlichkeit, vor allem während eines Gewitters; schlimmer durch Musik." [9]
  • „Ängstlichkeit beim Gewitter minder als sonst. (Heilwirkung.)" [10]
  • „Menschenscheu und furchtsam." - „Er flieht die Menschen." [11]

Wer die Grundzüge der „wichtigsten" Mittel der homöopathischen Materia medica im Kopf hat, wird gleich die Ähnlichkeit zu Sepia erkannt haben. Tatsächlich wird Sepia bei der geschilderten Konstellation [12] oft blindlings verordnet, obwohl doch - das zeigt im übrigen auch das Repertorium - zumindest Nat-c. vor der Hand ebenfalls als sehr ähnlich erscheinen muß.

Auch andere Symptome sprechen für beide Mittel. So deckt Nat-c. wie Sepia das Abwärtsdrängen im Uterus, die Abneigung gegen Milch beziehungsweise Diarrhoe durch Milch, etc. Natürlich gibt es auch unterscheidende Merkmale und Symptome, die das eine Mittel aufweist, das andere aber nicht. Dennoch: die Verordnung aufgrund der genannten psychischen Symptome führt - sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Zeitnot - beinahe stets zu Sepia, selten oder nie zu Natreium carbonicum. Man darf jedoch vermuten, daß so mancher vermeintliche Sepia-Fall auch mit Natrium carbonicum zur Genesung kommen beziehungsweise sogar schneller geheilt werden könnte.

Das genannte Beispiel verdeutlicht die Notwendigkeit eines eingehenden Studiums der homöopathischen Materia medica und die Wichtigkeit einer Verabschiedung von „Lieblingsmitteln", die schon Hahnemann eine Warnung wert waren.[13]

Um nicht mißverstanden zu werden: Auch ich verordne Sepia wesentlich häufiger als Natrium carbonicum, vielleicht sogar häufiger als jedes andere Mittel. Ein Vergleich zweier Arzneimittel, wie er oben gemacht wurde, ist ausserdem nur mit Einschränkung aussagekräftig. So hat die Praxis gezeigt, daß die aufgelistete Symptomenkombination in Sepia-Fällen sehr oft zugegen ist, während es sein mag, daß sie bei Nat-c.-Fällen seltener auftritt. Mancher Praktiker wird Natrium carbonicum ohnehin nicht für ein „kleines" Mittel halten. Aber so ist das eben: Die individuelle praktische Erfahrung trägt dazu bei, daß das Mittel X dem einen selten, dem anderen häufiger angezeigt zu sein scheint.

Was aber soll man davon halten, wenn zum Beispiel Medorrhinum von einem Homöopathen als eines der wichtigsten homöopathischen Arzneimittel gepriesen wird, bei einem anderen dagegen hinsichtlich der Verordnungsfrequenz nur unter „ferner liefen" rangiert? Glaubt jemand allen Ernstes, daß der eine Kollege mehr Med.-Fälle in die Praxis bekomme als der andere? Ein Thema, das aber später einmal an anderer Stelle diskutiert werden muß! Hier bleibt nur festzuhalten, daß bei zu einseitiger Beschäftigung mit der Materia medica an die weniger bekannten Arzneimittel zu selten gedacht wird und so manches Mittel „einmal klein - immer klein" bleibt.

Klein bleibt ein Arzneimittel noch aus anderen Gründen:

Die Symptomatik des Mittels ist nur ungenügend erforscht. Es ist nicht oder nur fragmentarisch am Gesunden geprüft worden, und seine Anwendung leitet sich lediglich von diesen wenigen Prüfungsergebnissen ab, beziehungsweise von volksmedizinischen Verwendungszwecken, durch die es oft überhaupt erst Homöopathen auffällt.

Viele Arzneimittel sind unter besonderer Beachtung einer schon bekannten Indikation geprüft worden und die Ergebnisse wurden vor allem diesem Blickwinkel entsprechend ausgewertet, so daß andere Symptome unter den Tisch fielen. Entsprechende Veröffentlichungen, bei denen es sich oft nicht einmal um Arzneimittelprüfungen, sondern bloße Therapiestudien handelt, vertiefen in der Folge den Eindruck, es mit einem spezifischen Arzneimittel zu tun zu haben. Von einer solchen Einstufung besonders betroffen sind die Arzneimittel, die von der sogenannten naturwissenschaftlich-kritischen Richtung der Homöopathie in die Materia medica eingeführt wurden. Als Beispiel sei nur Galphimia glauca genannt, dessen klinisch belegte Wirksamkeit bei der Pollinosis an mögliche weitere Anwendungsgebiete nicht mehr denken zu lassen scheint.[14]

Aber auch in der genuinen Homöopathie gibt es die „kleinen" Mittel. Meist sind es die, von denen nur ein, vielleicht zwei Leitsymptome (oder Keynotes) bekannt sind.[15] Sind diese Leitsymptome zugegen, darf man das Mittel mit einigem Zutrauen verordnen und Heilung erwarten.[16] So ist Abies nigra angezeigt bei einem Gefühl wie von einem unverdauten hartgekochten Ei im Magen. Dabei muß der Umstand berücksichtigt werden, daß Abies-n. an lediglich vier Personen geprüft wurde, von denen drei zudem nur die Tinktur einnahmen.[17] In Allen Encyclopedia sind kaum 50 Symptome verzeichnet. Es kann sicher davon ausgegangen werden, daß eine Nachprüfung zahlreiche weitere Symptome zu Tage fördern würde.

Ein anderes Beispiel: Wenn der Kranke ständig an den roten, entzündeten Stellen, zum Beispiel an den Lippen oder der Nase, zupfen muß, obwohl der Schmerz dadurch um so unerträglicher wird, denkt man sogleich an Arum triphyllum. Derartige Keynotes kennt man freilich auch von den Polychresten. Eine Angina, die auf der rechten Halsseite beginnt und auf die linke überwechselt, wobei der Halsschmerz durch warme Getränke besser wird, erfordert Lycopodium. Der Unterschied zwischen den „kleinen" und „großen" Mittel ist aber: Während wir an das Polychrest auch dann denken, wenn die Keynotes nicht alle vorhanden sind, fällt uns ein Mittel wie Rumex bei einem Husten bestimmt nicht ein, wenn er nicht durch Entkleiden verschlimmert wird.

Es sei an dieser Stelle ausnahmsweise eine Hypothese gestattet:

Jeder Stoff bringt bei einer lege artis durchgeführten homöopathischen Arzneimittelprüfung Symptome hervor. Diese erfahren zwar eine gewisse individuelle Färbung durch die Prüfer, aber es müssen doch Symptome sein, die dem Mittel quasi „innewohnen" und durch die Prüfung nur zutage gefördert werden. Im Grunde stehen somit die potentiellen Symptome schon zuvor fest. Je nachdem, ob die Arzneimittelprüfung an Personen ausreichender Anzahl, verschiedenen Alters und Geschlechts, mit unterschiedlichen Potenzen, etc. geschieht, besteht die Möglichkeit, möglichst viele - aber wohl nie alle! - der dem Mittel inhärenten Symptome hervorzulocken. Jede Nachprüfung wird, neben den schon bekannten, noch nie beobachtete Symptome verzeichnen.

Letztlich entscheidend für den Bekanntheitsgrad eines Mittels - und nur darauf basiert die fehlleitende Einteilung in „große" und „kleine" Mittel - ist die Frage, ob es in der Anfangszeit der Homöopathie bis zum Abschluß der Kompilationen T.F.Allens und C.Herings geprüft und in nennenswert hoher Zahl verordnet wurde. Nur dann ist gewährleistet, daß ausreichend Informationen über die entsprechende Arznei verfügbar sind. Nicht zuletzt ist der Publikationstermin einer Arzneimittelprüfung auch dafür verantwortlich, ob das Mittel in die Repertorien aufgenommen wurde oder nicht. In jüngerer Zeit eingeführten Mitteln dagegen haftet so etwas wie der Fluch der späten Geburt an.[18]

 

2. Latrodectus mactans - ein „kleines" Mittel

Latrodectus mactans, die „Schwarze Witwe", ist ein „kleines" Mittel in der Homöopathie, weil sich seine bislang bekannten Symptome allein aus toxikologischen Kenntnissen ergaben. Aufgrund der Symptome, die dem Biß einer weiblichen Schwarzen Witwe folgen, wird es vor allem bei Angina pectoris und phänomenologisch ähnlichen Krankheitsbildern eingesetzt. Es gilt als Arznei für die Erste Hilfe bei AP-Anfällen und mitunter auch beim Herzinfarkt. Deshalb lasse ich Notfallapotheken stets mit einem Röhrchen Lat-m. bestücken - ohne es bislang (zum Glück!) eingesetzt haben zu müssen.

Die bekannte und in den gängigen Arzneimittellehren [19] wiedergegebene Symptomatik läßt sich wie folgt zusammenfassen:

Allgemein geprägt wird sie durch die heftigen Vergiftungserscheinungen, die sich vor allem in den Bereichen Gemüt, Herz/Kreislauf, Abdomen und im zentralen Nervensystem niederschlagen.

Der Kranke ist hochgradig ängstlich; die Angst erinnert an die bekannte Todesfurcht bei Arsenicum album. Auch die Furcht, den Verstand zu verlieren, trat nach einem Biß auf. Der ängstliche bis panische Gesichtsausdruck unterstreicht diese Gemütslage noch. Weiter besteht eine erhebliche Ruhelosigkeit. Begründet ist die Angst (zumindest im Vergiftungsfall) in den überaus heftigen Schmerzen, die der Gebissene am ganzen Körper spürt, sowie in den Herzsymptomen und Atembeklemmungen, die sich nach dem Biß einzustellen pflegen.

Die innere Brust ist ein Hauptangriffsort des Giftes: Präkordiale, pektanginöse, zusammenschnürende Schmerzen, die sich zu Achsel, Oberarm, Unterarm oder sogar bis in die Finger der linken Seite erstrecken können, geben ein genaues Bild der Angina pectoris oder des Herzinfarkts wieder. Es kommt zur Tachykardie (nach einigen Berichten jedoch erst nach einer initialen, kurzdauernden Bradykardie), der Puls ist schwach und fadenförmig. Außerdem stellt sich heftige Atemnot ein.

Das Abdomen ist nach dem Biß ebenfalls stets mitbetroffen: Es entwickelt sich eine zunehmende, letztlich brettharte Steifigkeit der Bauchdecken, so daß klinisch das Bild eines akuten Abdomens repräsentiert wird, wenngleich äußerer Druck den Schmerz nicht erhöht. Auch ein Erbrechen von schwarzem Blut wurde beobachtet.

Das Toxin erzeugt eine allgemeine Krampfneigung, eine Hyperreflexie: Es kommt zu Spasmen, Spannung und Steifigkeit der Muskeln; das erwähnte Zusammenschnüren in der Brust entspricht dieser Tendenz. Taubheitsgefühle und Ameisenlaufen zeigen die Sensibilitätsstörungen an.

Auch der Schock, der dem Biß folgen kann, gehört zum Arzneimittelbild von Latrodectus. Dabei ist die Haut eiskalt, und der Kranke verspürt auch innerlich ein starkes Frösteln.

Das Blut zeigt Koagulationsstörungen.

Eine Verschlimmerung der gesamten Symptomatik tritt ein durch die geringste Bewegung, Besserung zeitigt allein ruhiges Sitzen.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß sich für den Homöopathen ein Seitenblick auf die nicht-homöopathische Literatur lohnen kann, wie die Veröffentlichung Kellogg's im Journal of Parasitology [20] zeigt.

Der Autor referiert darin über eine Versuchsreihe Colemans, der, nachdem er einige Bißverletzungen studiert hatte, einen Selbstversuch mit dem etwa zur D 1 verdünnten und triturierten Gift unternahm und die dabei auftretenden Symptome exakt notierte. Anschließend führte er noch Versuche an Hasen, Katzen und Hunden durch, um schließlich das Präparat in der einhundertsten Verdünnung (D2) einem an Angina pectoris leidenden Patienten verabreichen zu können.

Der Erfolg war für Coleman eindeutig: „Dies entspricht dem ‘similia similibus curantur' [21] der hahnemannschen Lehre und wirkte in diesem Einzelfall Wunder."[22]

Wie man sieht, erschöpft sich die Symptomatik in den dramatischen, akuten Geschehen. Nun ist es ja nicht so, daß diese, etwa weil sie nicht bei einer Prüfung am Gesunden mit hohen Potenzen gewonnen wurden, wertlos wären - im Gegenteil. Eigentlich sind es gerade die toxischen Wirkungen unserer Arzneimittel, denen wir die Indikationen bei akuten Krankheitszuständen verdanken. Die Schwäche, die Unruhe, der Kräfteverfall und viele andere Leitsymptome von Arsenicum album sind zwar beim Gesunden beobachtet worden, doch hatte dieser sich mit Arsen vergiftet (oder unwissentlich vergiften lassen). Auch die Keynotes von Belladonna (zum Beispiel Pupillenerweiterung, Hitze, Delirium) sind zu einem guten Teil Vergiftungsfällen entnommen. Insofern ist es legitim, die Bißfolgen von Latrodectus mactans als Verordnungsgrundlage bei kardiologischen oder auch abdominellen Akutfällen zu verwenden.

Die klinische Anwendung von Latrodectus mactans bei stenokardischen Beschwerden ist schon relativ lange gängig. Wohl erstmals ausdrücklich erwähnt wird sie 1889 in der Zeitschrift The Homoeopathic Recorder.[23]

Beispielhaft sei hier ein Fall aus der Feder James Tyler Kents zitiert:

„Mrs. S., 70 Jahre alt, litt seit etwa sechs Monaten an heftigen Schmerzen in der Brust, die jeden Abend auftraten. Schmerz in der Herzgegend, der sich zu den Schultern und in den linken Arm erstreckte. Von verschiedenen Ärzten war eine Angina pectoris diagnostiziert worden.
Die Anfälle begannen gegen sieben oder acht Uhr abends und dauern bis nach Mitternacht an. Der Beschreibung der Patientin konnte ich entnehmen, daß sie von äußerst heftigem Charakter waren und von Ängstlichkeit und Furcht vor dem Tod begleitet wurden. Die Patientin brach in kalten Schweiß aus; die Hände und Füße wurden kalt und gefühllos. Ihr Ehemann sagte mir, daß er immer befürchte, sie würde den Anfall nicht überleben, sie schien so fürchterlich zu leiden. Sie hatte Morphium, Chinin und viele andere Arzneien genommen und Schulmediziner sowie Homöopathen konsultiert.
Latrodectus mactans heilte innerhalb einer Woche. Es sind nun seit dem letzten Anfall sechs Monate vergangen, und es geht ihr noch immer absolut gut." [24]

So beeindruckend dieser Heilerfolg auch ist, sei doch eine kleine Kritik angemerkt: Die geschilderte Symptomatik ist offensichtlich wenig individuell. Sie paßt auf Latrodectus ebenso wie auf andere Mittel (zum Beispiel Lachesis, Cactus, etc.), die möglicherweise aber schon von den Vorbehandlern erfolglos verabreicht wurden. Verordnet man aufgrund der beschriebenen Symptomatik automatisch Lat-m., ohne bei entsprechenden Feinsymptomen auch andere Mittel in Betracht zu ziehen, riskiert man, Fehlverordnungen zu erzielen. Darüberhinaus hat Kent weder Potenz noch Dosierung des Mittels angegeben.

Es ist also festzuhalten, daß ein präzises Symptomenbild von Latrodectus mactans bekannt ist, jedoch eine Differentialdiagnose zu verwandten Arzneien oder gar eine verantwortungsvolle Verordnung bei ganz anderen Erkrankungen jedoch bislang kaum möglich erscheint. Es ist somit nur allzu verständlich, daß Autoren wie O.Leeser [25] oder J.Mezger [26] weitere Arzneimittelprüfungen von Lat-m. forderten.

Bevor man nun aber eine (Nach-)Prüfung veranstaltet, sollte man sich in der homöopathischen Literatur umsehen. Viele im 20. Jahrhundert durchgeführte und in Periodika veröffentlichte Arzneimittelprüfungen sind quasi in der Versenkung verschwunden. Die beiden großen Kompilationen von Arzneimittelprüfungen [27] und klinischen Beobachtungen [28] erschienen gegen Ende des 19. Jahrhunderts und wurden bis heute nicht aktualisiert. Die ausstehende Sichtung der übrigen Literatur scheint angesichts der schier unüberschaubaren Masse fast unmöglich zu sein.

 

Quellenlage zu Latrodectus mactans

Die wohl erste und bislang einzige veröffentlichte homöopathische Arzneimittelprüfung von Latrodectus mactans wurde vom Department of Materia Medica and Therapeutics des Hahnemann College, Philadelphia (USA), um die Jahreswende 1932/33 durchgeführt und 1933 im Pacific Coast Journal of Homoeopathy [29]publiziert. Von den Autoren der meisten nach 1933 erschienenen Materiae medicae jedoch wurde sie offenbar übersehen. Allein in zwei Werken [30] fand sie Berücksichtigung. Allerdings sind die Darstellungen von Julian und Stephenson wenig brauchbar. Viele Symptome wurden gekürzt, einige komplett weggelassen. Außerdem ist die Herkunft der einzelnen Einträge nicht gekennzeichnet, so daß eine eindeutige Identifikation der Symptome nicht möglich ist. Eine korrekte Bewertung der AMP läßt sich ohnehin nur durch das Studium der Originalveröffentlichung gewährleisten.

Wer in der homöopathischen Literatur etwas bewandert ist, wird wissen, daß es bei den Arzneimittelprüfungen starke Qualitätsunterschiede gibt. Diese sind meist in der Prüfungsanlage begründet, können aber auch die Form der Symptomenauflistung betreffen. Unklare Formulierungen, Kürzungen etc. erschweren das Verständnis der Symptome. Die im Pacific Coast Journal of Homoeopathy vorliegende AMP von Latrodectus mactans muß als Fragment gelten, da die Symptomatik recht spärlich und wenig indiviuell ausgefallen ist. Aber dennoch bietet sie einen Anfang, um dieses Arzneimittel über den - natürlicherweise engen - toxikologischen Rahmen hinaus in Krankheitsfällen einsetzen zu können.

[Anmerkung: die deutsche Übersetzung dieser AMP veröffentlichten wir anschließend im Archiv für Homöopathik, Band 6 (1997), III, 123-141.]

 

Wichtige Informationen zu Latrodectus mactans liefern

Grundlegende Materiae medicae:

  • Edward Pollock Anshutz: New, old and forgotten remedies, Indian edition, Reprint Neu-Delhi 1987, S.244-254.
  • Gibson, Douglas: Latrodectus mactans, a study, in: British Homoeopathic Journal, 1971, 60, 108 (auch in: ders.: Studies of Homoeopathic Remedies, Beaconsfield 1987, S.302-305.)
  • Leeser, Otto: Lehrbuch der Homöopathie, Bd.C, Tiergifte, Ulm 1961, S.116-120.
  • Martiny, M./Rabe, H./Upham, R. (Hrsg.): Schlangen- und Insektengifte, Berlin o.J., S.59ff.

 

Kleinere Veröffentlichungen:

  • Samuel A. Jones: Latrodectus mactans: A suggested remedy in Angina pectoris, in: The Homoeopathic Recorder (HRC), Vol.4, Philadelphia 1889.
  • (o.V.:) Latrodectus mactans (Spider), in: Journal of Homoeopathics (JHC) V (1902) 340
  • Lippe, Adolf zur: Grundzüge und charaktersistische Symptome der homöopathischen Materia Medica, Göttingen 1983, S.437f.
  • Mezger, Julius: Vergleichende Betrachtung der Arzneimittelbilder der Spinnen, in: AHZ 206 (1961) 328-338.
  • Roberts, H.A.: The spider poisons, in: HRC 46, 1931, 637ff.
  • Schwartz, William H.: Spider Bite, in: HRC 45 (1930), 20-24
  • Stauffer, Karl: Klinische Homöopathische Arzneimittellehre, 6.Aufl., Regensburg 1974, S.402.
  • Twentyman, L.R.: Latrodectus mactans [Case notes], in: BHJ 1959, 48, 30.
  • Voegeli, A.: Die Kreislauferkrankungen, 3.Aufl., Heidelberg 1984, S.144f.
  • Voisin, Henri: Materia Medica des homöopathischen Praktikers, 2.Aufl., Heidelberg 1985, S.755f.
  • Whitmont, E.C.: Polycrest v. less frequently used remedy: Latrodectus mactans, in: BHJ 1950, 40, 173 (auch in: ders.: Psyche und Substanz, Göttingen 1987).

 

Nachtrag:

Kurz nach Veröffentlichung des obigen Artikels erschien in der Zeitschrift Homoeopathic Links eine umfangreiche Arbeit zur Toxikologie von Lat-m. M.Bonnet hat zahlreiche Vergiftungsbeschreibungen, vornehmlich aus der nicht-homöopathischen Literatur, auf verwertbare Symptome hin untersucht und eine entsprechende Symptomenliste zusammengestellt.

Michel Bonnet, The toxicology of Latrodectus mactans, in: Homoeopathic Links. Vol.11 (1988), 3 (Autumn), 161-168.

 

Literatur:

Allen, Timothy Field: The Encyclopedia of Pure Materia Medica (EN), Vol.I-X, New York, Philadelphia 1874-1879.

Gypser, Klaus-Henning (Ed.): Kent's Minor Writings on Homoeopathy, Heidelberg 1987.

Hahnemann, Samuel: Reine Arzneimittellehre (RA), Bd.1, 3.Aufl., Dresden und Leipzig 1830.

Hahnemann, Samuel: Die chronischen Krankheiten, ihre eigenthümliche Natur und homöopathische Heilung, 4.Theil, 2.Aufl., Düsseldorf 1838.

Hahnemann, Samuel: Organon der Heilkunst, 6.Aufl. (ORG VI), textkritische Ausg., herausgegeben von Josef M.Schmidt, Heidelberg 1992.

Hering, Constantin [et al.]: The Guiding Symptoms of our Materia Medica (GS), Vol.I-X, Philadelphia 1879-1891

Julian, Othon-André: Materia Medica of New Homoeopathic Remedies, Beaconsfield 1990.

Leeser, Otto: Lehrbuch der Homöopathie, Band C, Tierstoffe, Ulm 1961.

Mezger, Julius: Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre, 10.Aufl., Heidelberg 1993.

Stephenson, James: A Materia Medica and Repertory, New York 1963, Reprint New Delhi 1986.

 

Zeitschriften:

Allgemeine Homöopathische Zeitung (AHZ), Bd.229, Heidelberg 1984.

The Homoeopathic Recorder (HRC), Vol.4, Philadelphia 1889.

The Journal of Parasitology, Vol.1, Chicago 1915.

The Pacific Coast Journal of Homoeopathy (PCJ), Vol.44, Berkeley 1933.

 

Anmerkungen:

[1] Der Abdruck der übersetzten Prüfung erfolgte in Archiv für Homöopathik (ACD) 6, 1997, III.

[2] Passend zu diesem Thema fand ich kürzlich in einer älteren homöopathischen Zeitschrift eine Arbeit Harvey Farringtons, in der einige Indikationen zu sogenannten „kleinen" Arzneien mitgeteilt werden. Die Übersetzung dieses Artikels finden Sie in: Archiv für Homöopathik, 6, 1997, III.

[3] Zwischen diesen beiden Extremen gibt es selbstverständlich noch alle möglichen Zwischenstufen.

[4] Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen: Tuberculinum zum Beispiel ist bislang ungenügend geprüft; dennoch wird ihm aufgrund der klinischen Erfahrungen der Stellenwert eines Polychrests zugeschrieben.

[5] „Es giebt einige wenige Arzneien, deren meiste Symptome mit den Symptomen der gewöhnlichsten und häufigsten Krankheiten des Menschen [...] an Aehnlichkeit übereinstimmen und daher sehr oft hülfreiche homöopathische Anwendung finden. Man könnte sie Polychreste nennen." Samuel Hahnemann in: Reine Arzneimittellehre (RA), Band 1, 3.Aufl., Dresden und Leipzig 1830, S.192.

[6] Clarkes Werk erschien in den Jahren 1900-1902, beinhaltet also Arzneien, die in den beiden anderen genannten Werken noch nicht enthalten sind. Die Auswahl der aufgeführten Symptome folgt aber keinem mir einsichtigen Schema.

[7] Hahnemann, Samuel: Die chronischen Krankheiten (CK), 4.Teil, 2. Aufl., Düsseldorf 1838, S.297-346.

[8] Orig.: „Aversion to mankind and society; estrangement from individuals and society, even from her husband and family." - GS VII, S.541.

[9] Orig.: „Restlessness, with attacks of anxiety, especially during a thunderstorm; < from music." - GS VII, S.542.

[10] CK IV, S.300, Symptom Nr.11.

[11] CK IV, S.300, Symptome Nr.3 und 4.

[12] Abneigung gegen Familienmitglieder, Ehemann und/oder Kinder, Empfindlichkeit gegen Musik, gegen Gewitter. Menschenscheu.

[13] ORG VI, § 257.

[14] M. Wiesenauer, Klinisch-pharmakologische Untersuchungen mit Galphimia glauca bei der Pollinosis, in: Allgemeine Homöopathische Zeitung (AHZ) 229 (1984) 3-9.

[15] Womit nicht gesagt sein soll, daß es zwingend an Prüfungssymptomen mangelt!

[16] Zum Thema der „Keynotes" sei verwiesen auf die Arbeiten „Das Keynote-System und seine korrekte Anwendung" in: Archiv für Homöopathik (ACD) 2 (1993) 105-109, und „Das Keynote-System" in: Henry N.Guernsey, Keynotes zur Materia Medica, Oberhausen 1993 (2. Aufl.: Heidelberg, 1999), Anhang.

[17] Timothy Field Allen, The Encyclopedia of Pure Materia medica (EN), Vol.I-X, New York, Philadelphia 1874-1879, Vol. I, S.2 und Vol. X, S.241.

[18] Die Entstehung der derzeit gängigen und meistgebrauchten Arzneimittellehren ist Gegenstand einer anderen Arbeit, die soeben vom Verfasser abgeschlossen wurde (derzeit noch nicht veröffentlicht).

[19] Zur Literatur über Latrodectus mactans siehe unten.

[20] Vernon L.Kellogg, Spider poison, in: The Journal of Parasitology, Vol.1, Chicago 1915, S.107-112.

[21] curentur (Reis).

[22] Kellogg, Spider poison, S.110.

[23] Samuel A. Jones, Latrodectus mactans: A suggested remedy in Angina pectoris, in: The Homoeopathic Recorder, Vol.4, Philadelphia 1889.

[24] James Tyler Kent, Clinical Cases, in: JHC, 6 (1903) 412-413, übersetzt aus: K.-H. Gypser (Ed.), Kent's Minor Writings on Homoeopathy, Heidelberg 1987, S.442.

[25] Otto Leeser, Lehrbuch der Homöopathie, Band C, Tierstoffe, Ulm 1961, S.116.

[26] Julius Mezger, Gesichtete Homöopathische Arzneimittellehre, Band 2, 10.Aufl., Heidelberg 1993, S.881.

[27] EN

[28] GS

[29] The Pacific Coast Journal of Homoeopathy, Band 44, Berkley 1933, S.308-326.

[30] Meines Wissens ist die AMP nur von O.A.Julian, Materia Medica of New Homoeopathic Remedies, Beaconsfield 1990, S.310-315, 1)1971, und James Stephenson, A Materia Medica and Repertory, Reprint Neu-Delhi 1986, S.61-63. 1)New York 1963, berücksichtigt worden.